Baue niemandem eine Brücke, der nicht auf die andere Seite des Flusses will

Baue niemandem eine Brücke, der nicht auf die andere Seite des Flusses will

Ich habe schon in meiner Jugend anderen Menschen gerne Tipps gegeben. Für diejenigen, von denen ich dachte, dass sie ungerecht behandelt, übersehen oder benachteiligt worden seien, habe ich die berühmten „guten Worte“ eingelegt. Damit war eigentlich vorgezeichnet, dass das Beraten, Tipps geben und Begleiten kurze Zeit später mein Beruf werden würde. Bis heute habe ich anderen Menschen viele Brücken gebaut – ich integriere sie in meine Netzwerken, habe etlichen jungen Unternehmern Kontakte vermittelt, gebe Expertise weiter. Und auch zu mir selbst habe ich anderen Brücken gebaut – habe mich geöffnet. Aber mir ist immer wieder aufgefallen, dass nicht jeder Mensch überhaupt möchte, dass man ihm eine Brücke baut.

 Es gibt Leute, die sich in ihrer Komfortzone so gemütlich eingerichtet haben, dass sie eine Brücke als Zumutung empfänden. Sie würde ja bedeuten, dass ihre Mitmenschen nun von ihnen erwarten, dass sie hinüber gehen. Und an dieser Stelle ziehen es solche Zeitgenossen aus Bequemlichkeit vor, die Brücke lieber nicht zu betreten –  sondern stehen zu bleiben, da wo sie sich gerade befinden. Beispiel: „Was, Du hast mit Sport und Ernährungsumstellung 25 Kilo abgenommen? Und Du könntest mir Dein Programm zeigen, mit dem Du es geschafft hast? Deine Disziplin möchte ich auch gern haben. Das würde ich nicht schaffen.“

Dann gibt es andere, die Angst haben, die Brücke zu betreten. Sie wollen gar nicht wissen, was sie auf der anderen Seite erwartet. Beispiel: „Ich weiß, mein Mann behandelt mich unfair. Aber ich werde ihn nicht verlassen – wir haben uns doch so viel gemeinsam aufgebaut.“ Für solche Menschen wird die andere Seite des Flusses zwar irgendwie immer verheißungsvoll wirken. Aber den Mut zum ersten Schritt wagen sie nicht.

Und dann gibt es noch die Typen, denen man eine Brücke baut und die dann auch enthusiastisch zur Flussüberquerung aufbrechen. Aber auf der Hälfte des Weges, gerade dort, wo das Wasser in wilden Stromschnellen rauscht, knackt eine Bohle unter ihren Füßen. Dann  kehren sie um und beschimpfen den Brückenbauer – er hat sie enttäuscht, denn die Brücke ist ja gar nicht sicher, der Übergang gefährlich und sie als Konstrukteure unfähig.

Inzwischen habe ich begriffen, dass man niemandem eine Brücke bauen kann, der nicht auf die andere Seite des Flusses will. Er wird genug Ausflüchte finden, um am bekannten Ufer zu kommen.

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Franz administrator

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